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Igel im Frühling und Herbst
Sie haben einen Igel gefunden! Bitte lesen Sie die folgenden Informationen von Karin Oehl, seit 40 Jahren Leiterin der Pulheimer Igelstation und langjährige stellv. Vorsitzende von Pro Igel e.V., aufmerksam durch, bevor Sie handeln. Für Schnellleser*innen hat der BMT e.V. 2018 einen Flyer veröffentlicht.  Der Inhalt des Flyers ersetzt allerdings nicht die jahrelange Erfahrung einer Igelstation. Achtung: Für in menschlicher Obhut überwinterte Igel gilt: Aussetzen erst dann, wenn - Nachttemperaturen +8° nicht mehr unterschreiten - die Natur ausreichend Unterschlüpfe bietet - Insekten als Futter reichlich vorhanden sind. Man sollte sich nicht täuschen. Im Freien überwinterte Igel werden frühzeitig gesichtet. Für in menschlicher Obhut überwinterte Igel ist das allerdings viel zu früh!!! Noch fehlen Unterschlüpfe und sichere Futterquellen, die sie sich erst wieder erarbeiten müssen. Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte... ... und die alljährlichen Igelprobleme beginnen aufs Neue. In diesem Jahr (2016/2017) war es so recht gar kein Winter. Die ersten Igel sind schon aus dem Winterschlaf erwacht. – Es sind in der Regel Männchen. Sie haben es noch schwer, denn als Insektenfresser finden sie noch keine ausreichende Nahrung. Nach dem Er- wachen aus dem Winterschlaf, der kein Schlaf im menschlichen Sinne ist, braucht der Igel zunächst einmal Ruhe, um sich an die aktive Phase zu gewöhnen. Das Herz schlägt wieder schneller, die Körpertemperatur steigt, die Atmung wird tiefer und schneller. Die Speckschicht ist dahin geschmolzen und der Stachelbalg schlottert um den mageren Körper. Nahrung, Trinken, Partnersuche  Die Schritte sind in den ersten Stunden nach dem Aufwachprozess wackelig und langsam. Jetzt braucht unser stacheliger Freund Wasser, egal, ob aus Pfützen, Bächen oder Tau von Pflanzen und Gräsern. Dann begibt sich der „wandelnde Kaktus“ auf Futtersuche. Igel haben kein Revierverhalten wie viele andere Tiere. Sie jagen auch nicht. Es ist ein Suchen und Finden der Nahrung. Der Igel als dämmerungs- und nachtaktives Tier hat kein besonders gutes Sehvermögen – aber er hört und riecht ausgezeichnet und so findet er Nahrung. Auf Nahrungssuche muss er weite Strecken zurücklegen. Die Gefahr ist daher groß, von einem Auto „erwischt“ zu werden. Das Gleiche gilt für die bald beginnende Partnersuche. Schon liegen die ersten Kandidaten wieder platt gefahren auf den Straßen. Bei angepasster Fahrweise wären viele Tieropfer zu vermeiden. Dem Igel hilft sein angeborenes Verhalten (einrollen und abwarten, bis die Gefahr vorbei ist) gar nicht, wenn ein Auto im Spiel ist. Und ein toter Igel lernt nicht mehr. Dennoch, so scheint es manchmal, dass einige Igel einen Lernprozess durchmachen. Manche schätzen ab, ob rasches Weglaufen oder Einrollen das Überleben sichert. Gefährdeter Lebensraum - Verletzungen Der Igel als Kulturfolger hat in unserem Umfeld leider nicht das Paradies gefunden. Im Frühjahr werden die Gärten wieder “fein” gemacht. Altes Gesträuch wird entfernt und damit mancher Igelunterschlupf. Schadhafte Zäune werden ausgebessert und damit manchem Igel der Weg in bessere Nahrungsgründe versperrt. Beim Kompostum- setzen wird in den Haufen hinein gestochen und den einen oder anderen Igel erwischt es böse – besonders, wenn unachtsam mit Fadenmähern und Tellersensen (z.B. unter Büschen) gearbeitet wird. Da der Igel in Bodennähe lebt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich Wunden infizieren. Wenn es wärmer wird, legen Fliegen ihre Eier in infizierte Wunden ab. Die rasch schlüpfenden Maden fressen den Igel buchstäblich bei lebendigem Leibe auf. Nicht nur im Frühjahr, Herbst und bei dem berühmten "Unter-600gr.-Körpergewicht" brauchen Igel Hilfe. Mit Achtsamkeit kann erreicht werden, dass viel weniger Tiere zu Opfern unseres Handelns werden. Die beste Hilfe für Igel ist natürlich, ihnen einen Lebensraum zu lassen oder zu bereiten, wo sie sich satt fressen und ihre Jungen großziehen können; wo sie sich ungefährdet zum Ruhen in selbst gewählte Unterschlüpfe zurückziehen können. Hilfe ist auch, Gefahren zu erkennen und abzuwenden. Wenn menschliche Unterstützung bei Krankheit oder Verletzung unumgänglich ist, dann sollte sie unbedingt sachkundig sein. Gleiches gilt für die Aufzucht verwaister Igelsäuglinge, die ab Ende Mai, Anfang Juni bis in den September hinein zu erwarten sind. (Die Wurfzeit ist landschafts- und witterungsgebunden unterschiedlich.) Fehlende Nahrung  Wir haben es uns leider gedankenlos zur Gewohnheit gemacht, „Unkräuter“ (tatsächlich handelt es sich um Wild- gewächse) mit Stumpf und Stiel auszurotten und dafür Pflanzen einzusetzen, die uns gefallen, die bei uns gedeihen, aber oft von weit her kommen. Aber: Heimische Pflanzen sind die Kinderstube heimischer Insekten = Igelnahrung. Fehlen sie, fehlen Arten und das bedeutet Reduzierung der Nahrungsvielfalt für Igel. Eingebürgerte, optisch sehr schöne Pflanzen, bieten der heimischen Insektenwelt weder Nahrung noch Kinderstube. So verringern wir alljährlich die Artenvielfalt in unserem Umfeld etwas mehr. Dazu kommt noch die Verletzungsgefahr durch Gartengeräte, besonders durch Fadenmäher („Rasentrimmer“), die gedankenlos unter überhängendem Strauchwerk, Büschen etc. eingesetzt werden. Gefahr durch Gift und Gartenteich Und dann geht es auch schon wieder los mit der Giftspritze. Alle Nahrungstiere des Igels werden vernichtet, die vergifteten, leicht zu erhaschenden Tiere belasten den Organismus des Igels schwer. In manchen Gärten wird an einem Platz Unrat aus dem Garten aufgehäuft und schließlich ohne großes Nachdenken angezündet und verbrannt. So mancher Igel verbrennt mit. Wer sich jemals verbrannt hat weiß, wie schmerzhaft das ist. Schlimm sind auch die mancherorts als Brauchtum gepflegten Riesen-Osterfeuer. Noch immer sind viele unserer so beliebten Gartenteiche Todesfallen für Igel, wenn die Seiten steil und ohne Ausstiegshilfen sind. Igel können zwar schwimmen, aber sie erschöpfen leicht und ertrinken. Nicht zugedeckte Kellerschächte oder andere diverse Gruben wurden schon so manchem Tier zum Verhängnis. Igel leben nachweis- lich seit der Kreidezeit auf diesem Planeten. Jeder kann bemüht sein, dass der kleine sympathische, nachtaktive Kobold noch lange erhalten bleibt. Es gelingt, wenn wir mit Wohlwollen, offenen Auges und wachen Sinnes – auch für die kleinen, stacheligen Sympathieträger – durch das Jahr gehen. Igel gefunden - und nun? Jetzt rennen sie wieder – eigentlich in der Dämmerung und nachts, sowie im Morgengrauen – die Igel. Wieder finden wir verletzte oder getötete Igel an Straßenrändern, aber auch durch Gartengeräte verletzte oder kranke Tiere. Sie sind aus dem Winterschlaf erwacht und damit beschäftigt, verlorene Fettreserven wieder aufzufüllen und – eine/n Partner/Partnerin zu finden. Leider ist das Umfeld, in dem Igel als Kulturfolger leben müssen, weil angestammte Lebensräume weitestgehend zerstört, verändert und von Straßen durchzogen sind, nicht mehr igelfreundlich. Bei angemessener Fahrweise müssten nicht so viele Igel ihr Leben auf der Straße lassen. Manchmal sind sie nur verletzt und benommen, sterben jedoch, weil niemand hilft. Nehmen wir einen verletzten Igel auf, braucht er tierärztliche Hilfe, denn Verletzungen infizieren sich, eitern, Fliegen setzen sich darauf und legen Eier ab. Maden fressen zwar zuerst infiziertes Gewebe und Absonderungen, aber alles was frisst, scheidet auch aus und das wiederum ist für Igel gefährlich – giftig. Deshalb Igel umgehend vom Tierarzt oder in einer qualifizierten Igelstation behandeln lassen. Pflege Pflegen kann man das Tier auch zuhause. Dazu bekommt es eine große Kiste – wenn es geht, ca. 1,5 qm groß –, die mit Zeitung ausgelegt ist. Der Igel braucht ein kleines Schlafhaus mit einem etwa 10 x 10 cm großen Ein- schlupfloch, ausgelegt mit Zeitung und angefüllt mit „Knüllpapier“ oder Haushaltsrollenpapier. Blumenuntersetzer aus Ton, glasiert, eignen sich hervorragend als Trink- und Fressschälchen. Wasser muss immer zur Verfügung stehen. Als Futter eignen sich in Wasser gekochte Hühnerflügel, gekochtes Geflügelfleisch mit etwas Kleie, in der Pfanne gestocktes frisches Tartar, Katzenfutter mit ein paar Tropfen Maiskeimöl und etwas Kleie als Ballaststoff. Auch ungesalzenes Rührei ist als Futter geeignet. Igel sind keine Nagetiere, sondern Insektenfresser – also auf keinen Fall Salat, Bananen oder Nüsse füttern. Ist der Igel nicht in der Lage, selbstständig zu fressen, wird die Nahrung so stark zerkleinert, dass sie mit einer Spritze aufgezogen werden kann. Das Tier in Rückenlage in die Hand nehmen, mit dem Konus der Spritze das Mäulchen suchen und die Nahrung sehr langsam hineingeben. Immer darauf achten, ob der Igel schluckt. Nahrung wird bei sehr geschwächten Tieren früh morgens und abends gereicht. Die Anweisungen der Tierärzte oder Igelstationen sind zu beachten - auch bzgl. Medikamentengaben, Bäder, etc., wenn der Igel nicht ständig transportiert und damit gestresst werden soll. Häufig findet man auch am Tag Igel, die ungeschützt in der Sonne liegen oder auf wackeligen Beinchen umherlaufen. Ist der gefundene Igel pflegebedürftig? Am Tag gefundene Igel sollten uns immer aufmerksam machen, denn der Igel ist von Natur aus ein dämmerungs- und nachtaktives Tier. Selten ist der Grund für die Sichtung am Tage eine Störung im Schlafnest. Meist ist es eine bakterielle Erkrankung in Folge einer starken Verwurmung. Pflegebedürftige Igel wirken mager, walzenförmig, ihre Augen sind keine hervorstehenden halbkugelförmigen schwarzen Knöpfchen, sie sind eher schlitzförmig oder gar nicht geöffnet und tiefliegend. Es kann sein, dass der Igel am Tag sehr unruhig herumläuft. Seine Hinterlassenschaft ist kein braunes festes Würstchen, sondern grün- schleimig, manchmal blutig. Achtung: Igel leben am Boden, also im Schmutz. Krankheitserreger, die Igel schwächen, können auf Menschen übertragen werden, z.B. Eitererreger, Salmonellen, etc. Mit ausreichender Hygiene – gründliches Händewaschen mit Seife und Nutzung von Handschuhen im Umgang mit den Tieren, Sauberhaltung der Gehege und Näpfe, besteht für Menschen jedoch keine Gefahr! Für die Unterbringung kranker Igel gilt das Gleiche wie für verletzte Tiere - auch hinsichtlich Fütterung. Aber: Ein scheinbar unterernährter Igel ist in der Regel krank. Krankheit mit Futter und Unterbringung heilen zu wollen, ist illusorisch. Igel werden auf diese Weise oft mit Liebe zu Tode gequält. Kranke Tiere brauchen tierärzt- liche/fachkundige Behandlung. Das heißt – zunächst die Infektion behandeln, den Igel stabilisieren. Eine Kotunter- suchung zur Bestimmung der Parasitenarten ist zwingend erforderlich. Erst wenn der Igel stabil ist und frisst, darf entwurmt werden. Entwurmungspräparate, die den Wurmbefall im Inneren des Igels bekämpfen, belasten auch den Igel. Ein kranker, schwacher Igel kann daran sterben. Zusatzhinweis: Kranke und verletzte Tiere brauchen nicht nur im Frühjahr und Herbst unsere Hilfe sondern ganzjährig. Die berühmten 600 gr. im Herbst beziehen sich nur auf Igel, die evtl. spät geboren sind und bei Frosteinbruch noch kein höheres Gewicht erreicht haben. Auch sie sind in der Regel nicht unterernährt, sondern verwurmt und krank, weil sie keine geeignete Nahrung in ausreichender Menge fanden und letztendlich nur noch Würmer und Schnecken aufnahmen, die Zwischenwirte ihrer Innenparasiten. Igelwelpen  Wenn Igelwelpen gefunden werden (zu erwarten zwischen Mai/Juni und September je nach Region ) bitte Folgen- des beachten: Fühlt sich das Tierchen kühl an – auf ein Tuch legen, handwarme Wärmflasche darunter und locker zudecken (kein Rotlicht oder Heizkissen, weil das austrocknet.) Mit einer Pipette oder Spritze ohne Nadel handwarmen Fencheltee tropfenweise ins Mäulchen geben. Darauf achten, dass das Tierchen schluckt. Schnellstens Kontakt mit einer qualifizierten Igelstation aufnehmen! Unter keinen Umständen ein Versuch mit Milch – das führt zu Ernährungsstörungen, die tödlich ausgehen. Igel sind Säugetiere, d.h. – sie brauchen in der frühen Zeit ihres Lebens Milch ihrer Mutter. Ist die Mutter unauffindbar, müssen Igelwelpen mit einer speziellen, verträglichen Milch ernährt werden, die der Muttermilch ähnlich gemacht wird. Wichtig hierfür ist zu wissen, wie alt das Tierchen etwa ist, um beurteilen zu können, wieviel Milch zu wie vielen Mahlzeiten gegeben werden muss und wann mit Zusatznahrung begonnen werden kann. Wichtiger Hinweis: Nach der Fütterung ist „Toiletting", also das Ermöglichen von Ausscheidungen überlebens- wichtig! Igel dürfen als Futter keine Milch bekommen – sie vertragen sie nicht sondern reagieren mit tödlichen Durchfällen. (Sie schlecken sie gern, weil Milch süßlich ist. Leider wird Igeln in guter Absicht häufig von Menschen immer noch Milch angeboten!) Als Säugetiere brauchen Igelwelpen bis zu einem gewissen Alter Muttermilch, bzw. eine der Muttermilch ähnlich gemachte Ersatzmilch. Hinweis:  Unter www.pro-Igel.de gibt es einen Hinweis auf Merkblätter. Eines davon befasst sich mit dem Thema „Aufzucht von Igelsäuglingen“. Man kann es mit einem Doppelklick öffnen und findet wertvolle Hinweise. Das gleiche gilt zu allen hier angesprochenen Themen. Kontakt: Karin Oehl, Igelstation im Rhein-Erft-Kreis Tel.: 02238/6021 E-Mail: nc-oehlch@netcologne.de
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